Neuigkeiten:
Dieses Jahr habe ich - ein Wunder, wie Freunde sagen - weitestgehend in Deutschland verbracht. Einige Dias mehr sind gerahmt, eine Reihe von Dias sind eingescannt, wurde es mit dem Bilderverkauf über Fotoagentur doch etwas ernster; will sagen, sie werden bereits international angeboten. Bei Interesse an der Veröffentlichung meiner Fotos gibt es jedoch weiterhin die Möglichkeit, sich direkt an mich zu wenden.
Inzwischen habe ich mir (wieder einmal?) eine neue Dimension erobert und dabei erlebt, dass es selbst im klassischen Familien-Feriengebiet Allgäu recht spannend werden kann.
Abenteuer Allgäu
Nein, hier schreibe ich nicht von Bauern, die mit Mistgabeln hinter mir herjagten, nachdem ich ein Abenteuer mit der Sennerin vom Königssee hatte. Es geht auch nicht um Edelweis, Murmeltiere oder ohrenbetäubendes Kuhglockenläuten. Es geht tatsächlich um die Eroberung einer neuen Dimension, die Erfüllung eines uralten Menschheitstraumes: Das Fliegen.

Aller Anfang ist klein und bescheiden... Der erste Übungshang: Jeder 30-Sekunden-Flug ist erkauft mit 30 Minuten packen, raufstampfen, ächzen, fluchen, verschnaufen, Auspacken, Ausbreiten des Schirmes, Sortieren der Leinen. Und doch relativiert es sich: Otto Lilienthals erster Flug, einer der größten Fortschritte der Menschheit, dauerte auch nicht länger... und erforderte doch jahrelanges Beobachten von Vögeln, Rechnen, Experimentieren. Wir blicken von den Schultern von Riesen und damit sehen wir weiter...



Der Flugschüler wächst mit den Herausforderungen... Ein neues Fluggelände, neue Einweisung. Feinheiten der Körperhaltung werden korrigiert. Warten auf den richtigen Wind. Dann schnelles Anrennen. Ein letzter Blick in die Leinen. Steht der Schirm richtig? Den Boden verlassen. Fliegen!
Dann wieder hinauf! Das gute Wetter nutzen, um die erforderlichen Flüge zu schaffen - und natürlich aus Freude am Fliegen. Im Laufe des Tages wird es thermisch, der Wind dreht. Dumm, wenn er gerade während des Startes dreht. Von vorne sollte er kommen, Windstille ist auch OK. Doch plötzlich kommt er von hinten! Ich werde regelrecht den Hang hinuntergespült. Knapp bleibe ich über dem Boden, jederzeit auf eine Hanglandung eingestellt - die dann wegen des Rückenwindes und der damit verbundenen höheren Geschwindigkeit sicher nicht soooo sanft wäre. Der Stacheldrahtzaun kommt näher und näher.... und ich gewinne doch noch an Höhe. Über den Stacheldraht hinweg und sogleich gelandet. Nicht so schön... statt wie gewohnt 50 Meter über dem Grund zu fliegen waren es dieses mal weniger als 5 Meter. Für unsere Gruppe heute der letzte Flug.
Ärgerlich, wenn der Wind aus der falschen Richtung kommt. Meine Wirtin und diverse Wanderer sehen wunderschönes Wetter... doch der Flieger verzweifelt. Kommen genügend Flüge zusammen? Wird am Prüfungstag Flugwetter sein? Und doch geht es gerade erst richtig los....
Der
erste Höhenflug. Vorteil 1: Wir brauchen nicht mehr zu laufen. Eine Seilbahn
bringt uns und die Ausrüstung den Berg hinauf. Vorteil 2: Bodennebel. Das
bedeutet zwar kurzes Warten, bis er sich aufgelöst hat. Aber er verhüllt
auch gnädig den Blick in das tiefe Tal....
Die Häuser am gegenüberliegenden Hang lassen es schon erahnen: Hier geht es tiefer hinab. Leises Raunen: Das ist doch etwas anderes als bisher... Und dann, wie der Nebel weg ist, entsetzte Rufe: "DA SOLLEN WIR RUNTER?!?" 350 Meter Höhenunterschied sind es. Aber was sagt das schon. Es sieht schrecklich hoch aus, wenn man auf dem Berg steht und weiß, dass man dort hinunterfliegen wird. Uns allen rutschte wohl das Herz in die Hose. Das Ausbreiten der Schirme erfolgt etwas zögerlicher, das Sortieren der Leinen noch gewissenhafter als zuvor. Alles wird einmal mehr überprüft. Liegen die Leinen frei? Sind die Karabiner geschlossen? Ist der Helm richtig dicht? Funktioniert das Funkgerät? Ist es laut genug um den Lehrer zu verstehen? Kommt der Wind aus der richtigen Richtung mit der richtigen Stärke?
Dann der Ruf: "Start
frei".
Anlaufen. Schirm aufziehen. Kontrollblick. Abheben. In das Gurtzeug setzen. Fliegen... und durchatmen: Der Schirm trägt, auch in dieser Höhe hält er. Und dieses mal habe ich richtig Zeit. Bei den früheren Flügen gab es den Start und die Landung. Dieses mal gibt es Zeit dazwischen. Zeit, den weiten Blick zu genießen: Den kilometerlangen See zur Rechten , das weite Tal zur Linken, die winzigen Autos und Häuser unter mir. Dort vorne ist das Landefeld, und irgendwo darauf, mehr zu erahnen als zu sehen, wartet ein Fluglehrer. Der erste richtige Flug.
Irgendwann rüttelt es ein wenig. Leicht wechselnde Winde schütteln mich bei diesen Flügen. Nun gilt es Gegenzusteuern, den Schirm ruhig zu halten. Aber zwischendurch immer wieder dieser tolle Blick. Und das Bewußtsein: Ich fliege. Ich fliege wirklich.
Echte Ruhe freilich will nicht aufkommen... kaum habe ich etwas Sicherheit gewonnen, da soll ich einen anderen Schirm ausprobieren, diverse Flugmanöver üben. Wieder ein neues Fluggelände kennenlernen, dieses mal mit kleinerer Landefläche. Trifft man diese nicht, so landet man in den Bäumen. Oder zwischen den Kühen. Der Fluglehrer wußte zu berichten, wie eine Kuh - eingefangen durch den Schirm - (Oder war es ein Stier, über dem ein roter Schirm landete?) losraste... den Gleitschirmflieger bis zur Ermüdung (der Kuh) hinter sich herzerrte. Der Pilot sah hinterher weniger gut aus. Oder man landet auf den Steinen, was einem von uns passierte. Der stand dann auch längere Zeit nicht auf. Nachfrage über Funk: "Bist du OK? Winke mal." Warten. Schließlich hebt sich eine Hand, kurz darauf der ganze Mensch. Humpelnd kommt er zurück. Bald ist das linke Knie geschwollen. Eine Prellung. Zwei Tage ärztliches Flugverbot. In einer anderen Gruppe kommt es beim Start zum Armbruch. Und man spricht eine Frau, die sich bei der Landung das Bein gebrochen hat. Und hört und liest von diversen Todesfällen. Die Technik mag ausgereift sein... die Menschen sind es anscheinend nicht alle. Dennoch: Gleitschirmfliegen gilt nicht als Risikosportart. Und beim Judo habe ich auch nicht weniger Verletzungen beobachtet...


Die letzten Tage ging es hoch hinaus: Start bei knapp 2000 Metern, Landung fast 1000 Meter tiefer. Der Boden ist kaum noch bewachsen. Hütten, Wege und Menschen verschwinden zur Unkenntlichkeit.
Schroffe Felswände. Und tückische Winde. Hier heißt es nun wirklich acht geben. Aktives Fliegen ist gefordert, also beständiges Steuern, das die Unruhe durch Böen und Thermik ausgleicht.
Eine Blaskapelle spielt am Startplatz. Zünftige bayerische Volksmusik begleitet also unsere Startvorbereitung. Für manchen von uns ist dies eine Motivation, sich schneller startklar zu machen und möglichst schnell abzuheben. So ist die Überwindung vor dem ersten Flug etws geringer, als sie es sonst angesichts der Höhe wäre... Hätten sie doch wenigstens "Flieger, grüß mir die Sonne" gespielt.
Grandiose Blicke belohnen die Überwindung, die der Start zu diesem neuen Abenteuer bedeutete. Eine Fernsicht, weit nach Österreich hinein.
Gerne
möchte ich ein Foto während des Fluges machen. Dummerweise benötige
ich zum Fotografieren eine freie Hand. Die Hände sind aber an den Steuerleinen.
Nun... das Steuern geht auch einhändig. Man kann beide Leinen in eine Hand
nehmen und zieht dann seitlich statt senkrecht. Aber ohne allzuviel Übung
ist es doch ein ganzes Stück wackliger als das zweihändige Steuern.
Einige Male übe ich das einhändige Steuern. Im Geiste spiele ich die
weiteren nötigen Handgriffe durch: Mit der rechten Hand an die Fototasche.
Den Reisverschluß öffnen. Die Schlaufe der Kamera um das Handgelenk
wickeln. Die Kamera herausziehen. Mit dem Daumen die Kamera einschalten. Mit
dem Zeigefinger auslösen. Dann mit dem Daumen die Kamera wieder ausschalten.
Die Kamera in die Fototasche zurückstecken. Das Handgelenk von der Schlaufe
befreien. Den Reisverschluß schließen. Endlich wieder die rechte
Steuerleine
in
die rechte Hand nehmen. Notfalls würde ich die Kamera am Handgelenk auch
bei der Landung baumeln lassen. Dummerweise wird es durch die Sonneneinstrahlung
mit jedem Flug unruhiger. Je länger ich übe, desto schwerer wird also
das ganze. Schließlich überwinde ich mich. Fotografiere mich selbst
während des Fluges, mindestens 500 Meter über dem Grund, wie ich mit
einer Hand lenke. Und den Boden unter mir.... das Knie deutet auf ein Haus,
das - winzig klein - kaum erkennbar ist. Dann rüttelt es. Ich nehme die
Steuerleinen wieder in beide Hände, während die Kamera um das Handgelenk
baumelt. Mist. Bei der Landung könnte die Kamera in die Leinen kommen und
etwas blockieren. Das erscheint nicht so recht sicher. Also noch einmal überwinden.
Beide Steuerleinen in eine Hand, Kamera wegpacken. Ein Herumgeeier....Nicht
direkt unsicher, aber als geradeausfliegen kann man den Abschnitt nicht bezeichnen...
Aber der Fluglehrer sagt nichts und fragt nichts.

Nun hieß es noch die Prüfung zu bestehen (Theorie, Praxis), dann folgte die zweite Variante: Das motorisierte Fliegen. Kaum stand der eine der Fluglehrer mit seinen -zudem etwas provokant- tätowierten Armen vor mir (kaum ein Quadratzentimeter war noch frei) da befürchtete ich es schon: Die Motorflieger sind die Hells Angels der Gleitschirmflieger.
Nun,
der Eindruck wurde nicht völlig bestätigt, die Teilnehmer des Kurses
können eher als beruflich erfolgreich angesehen werden (ist ja auch nicht
so ganz billig...) und zu der Faszination des Fliegens kam nun noch die Faszination
der Technik...
Zunächst - quasi als Semitrockenübung - lernten wir den Propeller als Gehhilfe kennen. Wahlweise kann man:
- Mit geringen Kraftaufwand bergauf rennen
- Horizontal beim Laufen Geschwindigkeitsrekorde brechen
- oder sich in eine ungewohnte, doch nicht unbequeme Rückenlage bringen.
Theoretisch würde der Schub auch ausreichen, auf dem Rücken liegend in der Luft zu schweben. Wem jedoch physikalische Gesetze wie die Drehimpulserhaltung vertraut sind, der weiß, dass die Versuchsperson sich ziemlich schnell entgegengesetzt zum Propeller drehen würde... was den Komfort dieser Liege nicht unerheblich einschränken würde.

Großartig,
auch im Flachland starten zu können sowie nach Belieben Höhe zu gewinnen.
Etwas störend der Lärm, gerade wenn man das ruhige Gleiten ohne Motor
gewohnt ist. Komplizierter werden Start und Landung, weil die Schirme nach Möglichkeit
nicht durch den Propeller in Scheiben geschnitten werden sollen - was nebenbei
auch für den Piloten gelten sollte. Die blauen Flecke im unteren Bild sind
übrigens nicht Unfallbedingt.... Sie sind das Erkennungszeichen der Motorschirm-Piloten
und
sind auf die Bauweise der Motor-Gurtzeug-Kombination zurückzuführen...
Mit dem Wetter hatten wir Glück, so dass auch hier die Prüfungen mit Erfolg abgelegt werden konnten. Tja... und nicht zuletzt war der Inhalt der theoretischen Ausbildung (und bei der dreistündigen theoretischen Prüfung!) noch einmal eine Bestätigung dafür, das Aufmerksamkeit im Physikunterricht der Schule für das Leben sehr nützlich sein kann - von der Bereicherung, die Kenntnisse über das "Funktionieren der Welt" bringen, einmal ganz abgesehen.

Inzwischen
gibt es auch Resultate meiner Luftfotografie im Netz: www.DieWeltErfliegen.de
Hier kann man kostenlos stöbern, Poster und Postkarten bestellen sowie
Aufträge für Fotoflüge vergeben: Z.B. das eigene Haus oder die
eigene Firma aus der Luft fotografieren zu lassen. Und das bereits ab 99 Euro!
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